Was passiert, wenn wir die Türen öffnen und hinter die Mauern schauen?

Der Psychotherapeut Dr. Blanton (US) sieht Unehrlichkeit als zentralen Treiber für den gefühlten Dauerstress in Beziehungen. Auch ich darf das in der Praxis beobachten. Menschen Lügen, verstellen sich, maskieren sich, halten Gefühle zurück. Nichts macht den Geist, die Emotion und den Körper kränker.

Wir Lügen ca. 200mal am Tag. Darunter ist auch Ironie, Über- und Untertreibung zu sehen. Wir sind oberflächlich nett, im privaten Umfeld herrscht der Ton von „Ich will Dir ja nicht wehtun; Ich will ja nur Dein Bestes; Ich meine es doch nur gut.“ 

Das große Problem ist nur: Wir belügen auch uns selbst! 

Wir haben Angst, dass wir zu viel von etwas empfinden, was wir nicht empfinden sollten. 

Oder das Gegenteil: Zu wenig empfinden, von dem was wir empfinden sollten.

Vielleicht sollten Sie diese zwei Sätze nochmals lesen, denn Sie sind so wichtig! Deswegen nochmals: Wir haben Angst, dass wir zu viel von etwas empfinden, was wir nicht empfinden sollten. Oder das Gegenteil: Zu wenig empfinden, von dem was wir empfinden sollten. 

Seinem Gegenüber zu sagen, was man wirklich denkt, passiert nur sehr selten. 

Radikale Ehrlichkeit soll den Filter zwischen Hirn und Mund eliminieren und dadurch unsere Beziehungen entlasten.

Vielleicht kennen Sie folgende Situationen in abgewandelter Form: 

-Sie gehen mit ihrem Partner durch die Stadt und sehen eine Frau/Mann, die/der Ihnen sehr gefällt. Ihr Partner fragt: „Hast Du da jetzt etwa hinterher geschaut?“ Sie: „Nein natürlich nicht, ich bin doch mit der/dem Schönsten zusammen.“ Sie meinen es ja nur gut und wollen sich durch die ehrliche Antwort kein Drama einhandeln.Doch was würde passieren, wenn Sie ehrlich sagen: „Ja klar, habe ich hinterher geschaut. Diese/n Frau/Mann würde ich in Fantasie echt gerne Vögeln.“ Was würde passieren?

-Ihr Partner schwärmt von der Idee einen Hund für die Familie zu kaufen. Sie antworten „Schatz, irgendwann können wir darüber sprechen. Aber jetzt ist die Situation ganz ungünstig, Du weißt doch wegen den vielen beruflich bedingten Reisen.“ Dabei hassen Sie Hunde und es wäre das Letzte was Ihnen einfallen würde diesen Kompromiss einzugehen. Statt das Thema zu vertragen, was würde passieren, wenn sie ehrlich sagen: „Ich mag keine Hunde. Ich will keinen Hund.“ Vielleicht wäre der Erfolg eine Klärung, die sich nicht 5 mal vertragen muss?

Die Frage, die nach der Aufforderung Ehrlich-zu-sein gestellt wird, ist:

Zerbricht nicht meine Beziehung, wenn ich die Wahrheit sage?

Was denken denn Sie?

Wenn Beziehungen an Ehrlichkeit zerbrechen, sind sie dann nicht schon längst vorbei gewesen?

Es geht beim Radikal-ehrlich-sein auch nicht um Beleidigen und Hass-Bekundungen nach dem Motto: „So fühle ich mich eben“, und deswegen habe ich das Recht mit Messern um mich zu werfen. 

Beim Radikal-ehrlich-sein, geht um das bewusste wahrnehmen und benennen, was uns innerlich bewegt.

So werden unsere Gefühle sichtbarer und auch die Veränderung. 

Radikale Ehrlichkeit bedeutet nicht nur, negatives auszusprechen. Sondern auch die positiven Gefühle radikal rauszulassen!

Natürlich ist es Illusion, dass man immer ehrlich sein kann. 

Und in der Realität ist Ehrlichkeit ja nichts anderes als individuell-kommunizierte Wahrheit. 

Dennoch möchte ich Sie einladen, in sich hinein zu hören und mutig Dinge auszusprechen, die Ihnen auf der Zunge liegen oder Sie sonst runter schlucken. 

Denn ich durfte erkennen, dass Ehrlichkeit den Menschen wachsen lässt. Die Veränderungen die dadurch eintreten sind überwältigend.

Fangen Sie doch erst einmal klein an.

Technik 1:

Schreiben Sie es für sich auf, was sie wirklich denken. Und reflektieren Sie, in welchen Bereichen Sie nicht ehrlich sind. 

Haben Sie vielleicht keine Lust auf den regelmäßigen Besuch bei Ihren Eltern und gehen trotzdem aus Pflichtbewusstsein hin?
Mögen Sie vielleicht den Partner Ihres besten Freundes nicht und können ihm nicht sagen, dass Sie lieber Zeit mit ihm alleine verbringen würden, statt ein Pärchen Abend zu machen?
Finden Sie die Speckröllchen ihres Partners doch unattraktiver, als Sie es vor ihm/ihr runterspielen um Gefühle nicht zu verletzen? Schieben Sie den lang ersehnten Bowlingbesuch nur raus, weil Sie eigentlich kein bock drauf haben?

Technik 2: 

Drücken Sie sich aus!

Ein guten Einstieg findet man oft besser, wenn man seinem Gegenüber ankündigt, dass man jetzt etwas mit ihm Teilen möchte:

„Ich habe gerade das Bedürfnis mich Dir ehrlich meine Gedanken und Gefühle mitzuteilen.“

Und das darf dann auch ein „Ich Liebe Dich“ aus tiefsten Herzen sein. 

Technik 3: 

Nehmen Sie sich in Beziehungen (auch in Freundschaften) regelmäßig Zeit für die Frage: „Wie geht es Dir?“ 

Wie-geht-es-Dir, nicht als höfliche Floskel sondern richtig! Geben Sie Ihrem Gegenüber den Raum sich auszudrücken, hören Sie aufmerksam zu. Lassen Sie Ihr Gegenüber ausführlich erzählen und unterbrechen Sie nicht. 

Auch lohnt es sich, dies als festes Ritual einzuführen. Das muss nicht täglich oder wöchentlich sein. Doch nehmen Sie sich einmal im Monat dafür vor allem mit Ihrem Partner Zeit. Schenken Sie 30 Minuten Ihrem Partner gehör und drücken Sie sich 30 Minuten selbst aus.
Das ist so heilsam und unglaublich verbindend!

Glückliche Gesellschaften bestehen aus beziehungsfähigen Menschen. Und Beziehungen entstehen, wenn man Illusionen, Lügen und quälende Gefühle durchleben, sein lassen und dann loslassen kann.

Dazu möchte ich Sie einladen. 

Herzlichst und alles Gute, 

Ihre Tanja Votteler